Von der Spielecke ins Hochregallager: Riana Brunner, ausgebildete Kinderbetreuerin, arbeitet seit Anfang Jahr in Brügglis Logistik.

Riana, wie kommt es, dass jemand mit deinem beruflichen Hintergrund bei Brüggli in der Logistik landet?
Riana Brunner: Die Ausbildung Fachfrau Betreuung gibt es mit drei unterschiedlichen Schwerpunkten: Kleinkinder, Menschen mit einer Beeinträchtigung und betagte Personen. Obwohl ich für die Grundausbildung den Kleinkinderbereich gewählt habe, sind mir die anderen Schwerpunkte nicht gänzlich fern. Nach der Ausbildung begleitete ich den Aufbau einer Kinderkrippe in Bottighofen und blieb vier Jahre. Dann verliess ich den Bereich und startete als Betreuerin in einer Wohngruppe für schwer und mehrfach beeinträchtigte Kinder und Jugendliche in Weinfelden. Nach einem Praktikum in einer geschützten Industriewerkstatt in St.Gallen war ich überzeugt, dass ich mich zur Arbeitsagogin weiterbilden möchte.

Weshalb dieser Wechsel?
Es war schon lange mein Wunsch, Menschen mit Unterstützungsbedarf im Alltag zu begleiten. Bereits als kleines Mädchen haben mich Kinder, die irgendwie anders waren, interessiert. Wenn es auf dem Spielplatz ein Kind im Rollstuhl oder mit einem Hörgerät hatte, mussten mir meine Eltern tausend Fragen dazu beantworten.


Brüggli hat viele verschiedene Bereiche. Weshalb genau die Logistik?
Auf der Suche nach einer Stelle, die mir die Ausbildung zur Arbeitsagogin ermöglichen würde, habe ich mich bei Brüggli blind beworben. Denn ausgeschrieben war kein Ausbildungsplatz – bis auf der in der Logistik. Aber angesichts der erforderlichen fachlichen Kompetenzen wäre ich niemals auf die Idee gekommen, mich darauf zu bewerben. Dann bekam ich einen unerwarteten Anruf: Er kam aus der Logistik. Telefonisch erhielt ich einen ersten Einblick und erfuhr auch, dass die Stelle im Versand angesiedelt sein würde. Nach diesem ersten Kontakt hatte sich mein Bild vom Logistikberuf verändert und ich war bereit für ein Vorstellungsgespräch. Danach wurden allerdings Zweifel laut: Die Logistikbranche mit all ihren Prozessen und Systemen – bin ich dafür geeignet?

«Ich will diesen Job und gebe mein Bestes, ihn zu kriegen.»

Trotz Zweifel bist du jetzt da.
Beim Schnuppern passierte es dann. Ich habe mich in die Logistik verliebt. Nach diesem Tag war mir klar: «Ich will diesen Job und gebe mein Bestes, ihn zu kriegen.» Nun bin ich seit Januar im Versand tätig.

Wie hast du die erste Zeit dort erlebt?
Die ersten Wochen waren sehr herausfordernd. Ich begann wieder zu zweifeln: Lerne ich das alles irgendwann? Zum Glück habe ich stets viel Wertschätzung, Lob und Vertrauen von den Teamkollegen erfahren; ich durfte von Anfang an Verantwortung übernehmen. Das hat mir gutgetan. Jede Woche habe ich mir ein neues Lernziel gesetzt. Um die Branche besser zu verstehen, war ich oft mit Lernenden unterwegs, habe viele Fragen gestellt und natürlich viel gelesen. Mit der Zeit war ich immer mehr im Thema drin. Mittlerweile bin ich auch für die Staplerfahrerprüfung angemeldet; das war mir als nicht gelernte Logistikerin wichtig. Ich kann sonst nicht mitreden und schon gar nicht Lernende oder Mitarbeiter  anleiten, wenn ich es selber nicht kann.

Du lernst nicht nur im Arbeitsalltag viel Neues, sondern bildest dich parallel dazu zur Arbeitsagogin weiter.
Es war mir ein Anliegen, rasch mit der zweijährigen Ausbildung starten zu können. Im Februar war es dann auch schon so weit. Ich habe mich fürs Wochenmodell am Institut für Arbeitsagogik entschieden; das heisst, ich bin blockweise abwesend, etwa acht Wochen pro Jahr. So kann ich besser eintauchen – in die Schulwelt und dann auch wieder in die Arbeitswelt.

«Ich lerne Staplerfahren – um unterstützen zu können.»

Wie erlebst du die Situation als einzige Frau im Logistik-Team?
Der Umgang mit meinen Kollegen war von Beginn weg sehr gut. Es war nie ein Thema, dass ich als Frau nicht hierhingehören könnte. Ich fühle mich akzeptiert und kann so sein, wie ich bin. Das bedeutet, dass ich bei Sprüchen zurückgebe und sage, was ich denke. Vorher war ich immer in reinen Frauenteams, wo eher Zurückhaltung gefragt war. Das kann auch anstrengend sein. Das selbstverständliche Miteinander von Männern und Frauen in der Logistik ist jedoch noch nicht in allen Köpfen angekommen. Viele Lastwagenchauffeure erwarten einen Mann, der ihnen die zur Abholung bereitgestellte Ware aushändigt. Also fragen sie mich nach dem Chef und schauen ungläubig, wenn ich mich als Verantwortliche zu erkennen gebe.

Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit den Lernenden?
Im Versand sind es zurzeit nur junge Herren. Da die Lernenden innerhalb der Logistikbereiche rotieren, kann es sein, dass hie und da eine Lernende dazu stösst. Der Frauenanteil ist jedoch sehr gering. Am Anfang haben sich die Lernenden mir gegenüber skeptisch verhalten. Der Grund war mir nicht ganz klar: Hatte es mit mir als Frau zu tun oder ganz grundsätzlich damit, dass ich neu war? Oder störten sie sich an meinem anfangs fehlenden Logistik-Fachwissen? Meine Vergangenheit in der Kinderbetreuung kam manchmal zur Sprache. Ich liess mich nicht beirren, blieb klar und meiner Linie treu. Die Provokationen sind mittlerweile vom Tisch; die Lernenden begegnen mir mit Respekt und schätzen es bei gewissen Gesprächsthemen, dass ich eine Frau bin.


Was gefällt dir besonders an deiner Arbeit?
Kein Tag ist wie der andere. Das mag ich sehr, auch wenn es herausfordernd ist. Zum Beispiel ändert sich das Team täglich: Die Lernenden sind in der Berufsschule und wegen anderen Terminen nicht immer da und Mitarbeitende mit Rente arbeiten teilweise Teilzeit. Auch inhaltlich weiss man im Versand nie genau, wie die Auftragslage ist. Es ist schön, mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten, sie zu begleiten und zu fördern.

«Sich auf etwas Neues einzulassen, kann sich lohnen.»

Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Schulisch möchte ich auf jeden Fall die höhere Fachprüfung absolvieren. Dazu sind nach Abschluss der Ausbildung vier Jahre Praxiserfahrung als Aufnahmekriterium vorgegeben. Es gefällt mir sehr gut bei Brüggli. Eine Festanstellung in der Logistik könnte ich mir durchaus vorstellen, eventuell verbunden mit einer fachlichen Weiterbildung.

Welche Tipps hast du für Frauen in vermeintlichen Männerdomänen?
Ich ermutige Frauen, solche Schritte zu wagen. Es kann bereichernd sein, festgefahrene Vorstellungen über Bord zu werfen und sich auf etwas Neues einzulassen. Es ist ja vor allem die Gesellschaft, die das Bild von typischen Männerberufen prägt. Aber was in der Logistikhalle soll denn nur ein Mann können? Dieselbe Ansicht habe ich übrigens auch in der Kinderbetreuung vertreten und versucht, Männer für diesen «Frauenjob» zu begeistern.

Sarina Neuhauser

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